Wahrnehmung und Wirklichkeit

In seinem Vortrag «Versöhnung von Wissenschaft und Religion» zeigte Professor Hans-Peter Dürr auf, dass es unzulässig und falsch ist, unsere stets subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit – auch wenn wir sie durch raffinierte Instrumente wesentlich erweitern – mit der Wirklichkeit schlechthin gleichzusetzen. Dabei griff er auf ein Gleichnis des englischen Astrophysikers Sir Arthur Eddington zurück:

Eddington vergleicht einen Naturwissenschaftler mit einem Ichthyologen, einem Fischkundler, der seine Welt erforschen will. Dies besteht darin, dass er auf das Meer hinausfährt und Fische fängt. Nach vielen Fischzügen und sorgfältigen Überprüfungen seiner Beute gelingt ihm die Entdeckung des ersten Grundgesetzes der Ichthyologie: «Alle Fische sind größer als fünf Zentimeter!» Er nennt dies ein Grundgesetz, weil er bei keinem Fang jemals einen Fisch fand, der kleiner als fünf Zentimeter war, und daraus auf eine Allgemeingültigkeit des Befundes schließt.

Auf dem Heimweg trifft er seinen besten Freund, den ich den Metaphysiker nennen will, und erzählt ihm von seiner großen wissenschaftlichen Entdeckung. Der entgegnet ihm: «Das ist doch gar kein Grundgesetz! Dein Netz ist einfach so grob, dass dir die kleineren Fische stets durch die Maschen gehen.»

Aber der Ichthyologe ist durch dieses Argument überhaupt nicht beeindruckt und antwortet entschieden: „Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, liegt prinzipiell außerhalb fischkundlichen Wissens, es bezieht sich auf kein Objekt der Art wie es in der Ichtyologie als Objekt definiert ist.

Für mich als Ichtyologe gilt: Was ich nicht fangen kann, ist kein Fisch!“

Auf die Wissenschaft angewendet bedeute dieses Gleichnis: Um wissenschaftliche Erkenntnisse zu etablieren, verwenden Wissenschaftler immer ein Netz bzw. Raster aus bisherigen Messungen und Beobachtungen, ohne sich über die Existenz und die Art des Netzes im Klaren zu sein. Dieses Netz symbolisiere nicht nur das methodische sondern vor allem auch das gedankliche Rüstzeug wissenschaftlichen Arbeitens.

Wissenschaftliches Denken sei zudem stets fragmentierend und analysierend. Alles, was wir untersuchen und verstehen wollen, zerlegen wir.

Diese für unser Leben vorteilhaften und erfolgreichen Methode, an komplizierte Dinge heranzugehen, bewertet Dürr keineswegs negativ. Es sei aber wichtig, sich stets der methodischen und gedanklichen Grenzziehung bewusst zu sein – und darüber, dass sich so lediglich ein Teil einer gesamten Wirklichkeit erfassen lässt.